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Thieß Petersen

Babyboomer im Rentenalter – was ist das Problem?

In Deutschland werden die zwischen 1955 und 1969 geborenen Menschen als die sogenannten Babyboomer-Jahrgänge bezeichnet. Immer mehr von ihnen erreichen im Moment das Rentenalter. Hier zeigen wir, warum das für das Rentensystem ein Problem ist.

Grundlagen des Rentensystems

Das deutsche Rentensystem basiert auf dem sogenannten Umlageverfahren. Das heißt: Die Menschen, die arbeiten und in die Sozialversicherung einzahlen (sozialversicherungspflichtig beschäftigte Personen) zahlen Beiträge an die Rentenversicherung. Diese Einnahmen werden für die Rentenzahlungen im gleichen Jahr genutzt.

Das bedeutet: Die jetzt sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen finanzieren die Rente der jetzigen Rentner:innen. Ihre Einzahlungen werden nicht für ihre eigene Rente angespart.

Die Einnahmen, die die Rentenversicherung im Jahr 2026 erzielt, müssen also so hoch sein, dass sie für die im Jahr 2026 anfallenden Rentenzahlungen ausreichen. Ob das der Fall ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zu den wichtigsten gehören:

  1. der Beitragssatz, den die arbeitenden Menschen zahlen (wie viel vom Gehalt geht an die Rentenkasse)
  2. das Rentenniveau (wie hoch ist die Rente) und
  3. das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Rentner:innen und Beschäftigten, die in die Rentenversicherung einzahlen (gibt es mehr Rentner:innen oder mehr Beschäftigte oder ungefähr gleich viel?)
Grafik zur Visualisierung des Umlageverfahrens im Rentensystem

Dazu ein stark vereinfachtes Beispiel:

  • Wenn es doppelt so viele rentenversicherungspflichtige arbeitende Menschen („Beitragszahler:innen“) wie Rentner:innen gibt, dann stehen einem:r Rentner:in zwei Beitragszahlende gegenüber. In diesem Beispiel gehen wir davon aus, dass alle arbeitenden Menschen Rentenbeiträge zahlen.
  • Das durchschnittliche Einkommen der Erwerbstätigen beträgt 40.000 Euro pro Jahr.
  • Der Beitragssatz für die Rentenversicherung (wie viel vom Einkommen an die Rentenversicherung bezahlt wird) liegt bei 20 Prozent.
  • Weitere Sozialversicherungsbeiträge und Steuern gibt es nicht.
  • Jede erwerbstätige Person zahlt also 8.000 Euro in die Rentenkasse (20 % von 40.000 Euro).
Grafik zur Visualisierung des Rentensystems

Wenn zwei Erwerbstätige für die Finanzierung eines:r Rentners:in notwendig sind, kann eine Rente in Höhe von 2 mal 8000 Euro, also 16.000 Euro gezahlt werden. Bezogen auf das Einkommen der Erwerbstätigen von 40.000 Euro entspricht das einem Rentenniveau von 40 Prozent.

 

 

 

Grafik zur Visualisierung des Rentensystems

Alterung der Gesellschaft

Die Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte zeichnet sich durch zwei zentrale Entwicklungen aus:

  • Die Zahl der Geburten ist zurückgegangen.
  • Die Lebenserwartung der Menschen steigt immer weiter an.

Die Folge ist eine Alterung der Gesellschaft. Das bedeutet: Die Zahl der Menschen im erwerbstätigen Alter (15-67 Jahre) geht zurück, während die Zahl der Personen im Rentenalter wächst. Damit ändert sich das zahlenmäßige Verhältnis von erwerbstätigen Menschen zu Rentenbezieher:innen.

Im Vergleich zu früher gibt es mehr Rentner:innen im Vergleich zu Erwerbstätigen.

Dieses zahlenmäßige Verhältnis hat sich bereits in der Vergangenheit in Deutschland deutlich verändert. Im Jahr 1965 kamen noch knapp 5,5 Beitragszahler:innen auf eine Person im Rentenbezug. Aktuell sind es nur noch rund zwei Beitragszahler:innen, die einen Rentner bzw. eine Rentnerin finanzieren.

Tabelle zur Rentenversicherung und Beitragszahlenden nach Jahren

Alterung der Bevölkerung verlangt Beitragserhöhung oder Rentenkürzung

Wenn es immer weniger Menschen, die Beiträge an die Rentenversicherung zahlen, im Vergleich zu Rentner:innen gibt, kann die Rentenversicherung ihre Ausgaben nur dann durch Beitragszahlungen decken, wenn sie die Beitragssätze erhöht oder das Rentenniveau absenkt.

Das bedeutet: Entweder müssen die Erwerbstätigen mehr von ihrem Gehalt an die Rentenversicherung zahlen oder die Rentner:innen weniger Rente erhalten. Das zeigt ein einfaches Zahlenbeispiel:

  • Wir nehmen an, dass wegen des demografischen Wandels nicht mehr zwei, sondern nur noch ein:e Beitragszahler:in auf eine:n Rentenbezieher:in trifft.
  • Das durchschnittliche Jahreseinkommen beträgt nach wie vor 40.000 Euro.

Wenn die Rentenversicherung weiterhin mit ihren Einnahmen ihre Ausgaben decken will, gibt es zwei Extremlösungen:

1) Der Beitragssatz der Erwerbstätigen bleibt unverändert bei 20 Prozent.

Damit stehen für eine:n Rentner:in nur noch 8.000 Euro zur Verfügung. Das ist halb so viel wie im ersten Beispiel.

Bezogen auf das durchschnittliche Jahreseinkommen von 40.000 Euro bedeutet dies eine Halbierung des Rentenniveaus von 40 auf 20 Prozent.

2) Soll das Rentenniveau bei 40 Prozent bleiben, erhält jede:r Rentner:in 16.000 Euro pro Jahr.

Das verlangt aber, dass jede:r Beitragszahler:in 16.000 Euro in die Rentenkasse einzahlt.

Der Rentenbeitrag verdoppelt sich also von 20 auf 40 Prozent.

Damit sinkt das verfügbare Einkommen der Erwerbstätigen von 32.000 Euro auf 24.000 Euro.

Grafik zur Visualisierung von Extremlösungen

Ökonomische Folgen für die Menschen

Beide Handlungsmöglichkeiten verhindern, dass die Rentenversicherung mehr ausgibt als sie einnimmt. Es gibt aber auch Nachteile.

Erhöhung des Beitragssatzes:

  • Für die Beschäftigten bedeuten höhere Rentenversicherungsbeiträge eine Verringerung des verfügbaren Einkommens. Die Menschen können sich daher weniger leisten. Das verschlechtert ihren Lebensstandard.
  • In Deutschland werden die Rentenbeiträge nicht nur von den Erwerbstätigen bezahlt, sondern auch von den Unternehmen, bei denen sie angestellt sind. Steigende Rentenversicherungsbeiträge erhöhen daher die Arbeitskosten der Unternehmen. Das führt zu höheren Preisen der hergestellten Produkte. Dadurch verschlechtert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Im schlimmsten Fall sind sie nicht mehr konkurrenzfähig und müssen daher ihre Produktion einstellen.

Verringerung des Rentenniveaus

  • Für die Rentner:innen hat ein niedrigeres Rentenniveau die gleichen Effekte wie für die Beschäftigten höhere Beitragssätze: Sie können sich weniger leisten.

In der Realität erfolgt die Anpassung des Rentensystems an die Alterung der Gesellschaft über eine Anpassung beider Stellschrauben, also einer Erhöhung des Beitragssatzes und einer Verringerung des Rentenniveaus. Dadurch fallen die verfügbaren Einkommen aller Beteiligten niedriger aus.

Neben diesen beiden Stellschrauben gibt es noch eine Reihe anderer Ansatzpunkte. Welche das sind, beschreiben wir im nächsten Beitrag.


Titelbild: Collage aus Bildmaterial von Adobestock – Tobif82; Robert Kneschke; Iryna; Sergio; fedotovalora

Grafik zur Visualisierung der ökonomischen Folgen