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Thieß Petersen

Alterung der Gesellschaft – wie lässt sich das Rentensystem stabilisieren?

Im letzten Beitrag haben wir gezeigt, welche grundlegenden Herausforderungen sich für das Rentensystem ergeben, wenn eine größere Zahl von Rentenbezieher:innen auf eine schrumpfende Zahl von Beitragszahler:innen trifft. Hier diskutieren wir, wie die Politik darauf reagieren kann.

Ausgangslage

In den nächsten Jahren wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland spürbar sinken. Gleichzeitig steigt die Zahl der Rentner:innen.

Eine intuitive Reaktion darauf ist eine Erhöhung der Rentenversicherungsbeiträge. Wie im letzten Blog-Post erläutert, würde das jedoch die Lohnnebenkosten der Unternehmen erhöhen und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verschlechtern. Eine zweite Antwort ist die Absenkung des Rentenniveaus. Aber auch hier bestehen erhebliche Hürden. Neben rechtlichen Grenzen ist vor allem die soziale Sprengkraft zu berücksichtigen, die diese Leistungskürzung hätte.

Beitragssteigerungen und Leistungskürzungen werden also lediglich in begrenztem Ausmaß einen Beitrag leisten können, um die Finanzierung des Rentensystems fit für den demografischen Wandel zu machen. Sinnvoller sind Maßnahmen, die die Einnahmebasis der Rentenversicherung über einen höheren Arbeitskräfteeinsatz und eine höhere Produktivität vergrößern. Dafür gibt es zahlreiche Ansatzpunkte.

Grafik zur Visualisierung der ökonomischen Folgen

Erhöhung der Erwerbsbeteiligung

Die Steigerung der Erwerbsbeteiligung bedeutet, dass mehr Menschen, die im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 bzw. 67 Jahren sind, einer bezahlten Arbeit nachgehen. Allerdings ist die Erwerbsbeteiligung in Deutschland in den letzten Jahren bereits spürbar gestiegen und daher auf einem hohen Niveau. Hier dürften also nur noch begrenzte Potenziale zu heben sein.

Grafik mit Entwicklung der Erwerbsbeteiligung in Deutschland

Ein denkbares Instrument ist eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen durch bessere Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei geht es nicht nur um die Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Wegen der Alterung der Menschen werden Betreuungsangebote für pflegebedürftige Familienangehörige immer wichtiger.

Grafik zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung

Anhebung des Renteneintrittsalters

Ein zentraler Treiber der demografischen Entwicklung in Deutschland ist die steigende Lebenserwartung. Bleibt das Renteneintrittsalter unverändert, wächst die Zahl der Jahre, während der die Menschen Rentenzahlungen beziehen. So ist die durchschnittliche Dauer des Rentenbezugs in Deutschland von rund zehn Jahren in den 1950er Jahren auf mittlerweile 20,5 Jahre angestiegen.

Eine Reaktion darauf ist die Anpassung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung. Das erhöht die Zahl der arbeitenden Menschen – und damit auch der Rentenbeitragszahler:innen – und senkt gleichzeitig die Zahl derjenigen, die eine Rente beziehen.

Wichtig dafür ist jedoch, dass die Menschen im höheren Alter gesundheitlich noch in der Lage sind, länger zu arbeiten. Das verlangt unter anderem, dass sich die Betriebe stärker um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden kümmern.

Grafik zur Anhebung des Renteneintrittsalters

Steigerung des jährlichen Arbeitsstundenvolumens

Gegenwärtig beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit je Beschäftigten in Deutschland rund 1.350 Stunden im Jahr. In der Schweiz sind es hingegen etwas über 1.500 Stunden und in den USA rund 1.800.

Grund für den relativ geringen Wert in Deutschland ist vor allem die hohe Teilzeitquote. Soll die durchschnittliche Zahl der jährlich geleisteten Arbeitsstunden erhöht werden, verlangt das an erster Stelle eine Förderung der Umwandlung von Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen in eine Vollzeitbeschäftigung. Voraussetzung dafür ist u. a. die bereits angesprochene Verbesserung der Infrastruktur, die für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erforderlich ist.

Grafik zur hohen Teilzeitquote in Deutschland

Grafik zur Steigerung der Arbeitsstunden

Erhöhung der Zuwanderung von Arbeitskräften

Ein größeres Arbeitskräfteangebot kann durch eine Förderung der Zuwanderung von Fachkräften und deren schnellere Integration in den Arbeitsmarkt erreicht werden. Hilfreich wären zudem die Erleichterung und Beschleunigung der rechtlichen Voraussetzungen zur Arbeitsaufnahme von Ausländer:innen, die sich bereits in Deutschland befinden. Gleiches gilt für die schnellere und berechenbarere Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen.

Einschränkend ist jedoch darauf hinzuweisen, dass dieser Lösungsansatz die Finanzierungsprobleme der Rentenkasse nur zeitlich verschiebt. Die zugewanderten Arbeitskräfte erwerben Rentensprüche. Sobald sie das Rentenalter erreichen, stellt sich die Frage, wie diese Rentenzahlungen finanziert werden können.

Grafik zur Erhöhung der Zuwanderung

Produktivitätssteigerungen

Wenn die Produktivität der einzelnen Beschäftigten steigt, wird normalerweise auch ein höherer Lohn gezahlt. Wenn das jährliche Lohneinkommen dadurch größer wird, steigt auch der Geldbetrag, den eine Beitragszahlerin an die Rentenversicherung zahlt. Das verbessert die Einnahmeseite der Rentenkasse.

Voraussetzung für eine höhere Arbeitsproduktivität ist vor allem eine Steigerung der Qualifikationen und Kompetenzen der Menschen im erwerbsfähigen Alter. Gefordert ist das gesamte Bildungssystem, beginnend bei der frühkindlichen Bildung über Schulen und Hochschulen bis hin zum System der dualen Berufsausbildung und der Weiterbildung.

Grafik zur Produktivitätssteigerung

Steigerung des Kapitaleinsatzes

Eine andere Möglichkeit zum Umgang mit einer schrumpfenden Zahl von Arbeitskräften ist eine Erhöhung des Kapitaleinsatzes. Kapital ist dabei als Sachkapital zu verstehen. Es geht also um den vermehrten Einsatz von Maschinen, Robotern, digitalen Technologien etc. in der Produktion. Entsprechende Investitionen vergrößern die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten und steigern zudem die Arbeitsproduktivität.

Voraussetzung dafür sind attraktive Investitionsbedingungen am Standort Deutschland. Das betrifft neben dem Steuer- und Abgabensystem auch eine Planungssicherheit über die zukünftige Entwicklung der Energiepreise. Wenn es durch eine entsprechende wirtschaftspolitische Rahmensetzung gelingt, den Investitionsstandort zu stärken, bedeutet das ein höheres Wirtschaftswachstum und damit steigende Staatseinnahmen.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Während das Rentensystem im Fall eines höheren Arbeitskräfteeinsatzes unmittelbar von höheren Beitragseinnahmen profitieren, ist das bei der einem höheren Kapitaleinsatz nicht der Fall. Immerhin aber steigen die Steuereinahmen. Das erleichtert es dem Bund, Zuschüsse zur Rentenkasse zu zahlen.

Grafik zur Steigerung des Kapitaleinsatzes

Ausweitung der Versicherungspflicht

Mit Blick auf das deutsche Rentensystem ist schließlich noch zu berücksichtigen, dass nicht alle erwerbstätigen Menschen in die Rentenkasse einzahlen. Selbständige und Beamt:innen sind zwei Beispiele dafür. Um die Einnahmebasis der Rentenversicherung zu vergrößern, wird überlegt, auch diese Personengruppen in die Rentenversicherung aufzunehmen. Kurzfristig führt das zu höheren Beitragseinnahmen.

Allerdings erwerben diese Personen damit auch Rentenansprüche. Überdurchschnittlich gut verdienende Selbständige und Beamt:innen erhalten daher auch entsprechende Rentenzahlungen, wenn sie altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Diese Maßnahme verschiebt die Finanzierungsprobleme der Rentenversicherung also nur zeitlich nach hinten.

Grafik zur Ausweitung der Versicherungspflicht

Ausblick

Die Bevölkerungsalterung stellt alle Zweige der sozialen Sicherung vor enorme Herausforderungen. Bloße Anpassungen bei den Beitragssätzen und dem Leistungsniveau dürften nicht ausreichen, um die demografisch bedingten Probleme in den Griff zu bekommen. Notwendig ist ein Mix aus realwirtschaftlichen und finanzpolitischen Maßnahmen.

Die meisten von ihnen sind unpopulär, weil sie von großen Teilen der Bevölkerung Opfer verlangen – in Form geringerer verfügbarer Einkommen, längerer Arbeitszeiten etc. Das macht es für an der Wiederwahl interessierte Politiker:innen so schwer, sich zu einer Reform der Rentenversicherung durchzuringen.

 


Titelbild: Collage aus Bildmaterial von Adobestock – Tobif82; Robert Kneschke; Iryna; Sergio; fedotovalora